Aktuell sind 333 Gäste online



Ulrich Schacht im Gespräch mit Michael Vogt mit einem Plädoyer wider den dritten Totalitarismus.

 

Ulrich Schacht wurde im Frauengefängnis Hoheneck, wo seine Mutter inhaftiert war, geboren und wuchs in Wismar auf. Nach Handwerkslehre und Sonderreifeprüfung studierte er in Rostock und Erfurt evangelische Theologie. 1973 wurde er in der DDR wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt, 1976 in die Bundesrepublik Deutschland entlassen. Doch die BRD erweist sich als alles andere als das „gelobte Land“, und eine EU, die sich zunehmend zur EUdSSR entwickelt läßt alte Erinnerungen im neuen Gewande aber nicht minder schlimm auferstehen. Widerspruch und Widerstand ist angesichts eines neuen bürokratischen Totalitarismus angesagt. Es geht wieder um die Freiheit, die, kaum gewonnen (erschien) schon wieder gefährdet ist.

Wer unsere Zeit nämlich verstehen will – ihren symbiotischen Charakter aus deformiertem Nationalstaat, säkularisierter Gesellschaft und entfesseltem Ökonomismus –, der tut gut daran, einem berühmten, geschichtlich aber scheinbar ad acta gelegten Traktat des 19. Jahrhunderts erneut Aufmerksamkeit zu schenken, der zum einen als die meist verbreitete politische Kampfschrift der Menschheitsgeschichte gilt und zum anderen, je nach Position, als ihr optimistischstes oder verhängnisvollstes ideologisches Dokument: Dem 1848 erstmals erschienenen „Kommunistischen Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels. Hier finden sich mit frappierender Präzision all jene sozial-ökonomischen Phänomene freigelegt, die wir heute prozeßfaktisch überdeutlich wahrnehmen, indem wir sie als eine fast täglich zunehmende Totalität erfahren, der wir nicht mehr zu entkommen scheinen, weil ihre Dominanz sich wie der Eintritt eines unabänderlichen Himmelsgesetzes in den irdischen Horizont entfaltet: Der Totalität jenes entfesselten Kapitalismus (auch Turbo-Kapitalismus genannt), der das Alltagsleben der Menschen systemisch in eine „Hölle der Optimierung“ verwandelt.

Aufklärung, Kommunismus, Kapitalismus, die symbiotische Ideen-Trias aus dem rationalistischen Quellgebiet des „aufgeklärten“ Westens in seiner jakobinischen Ur- und neo-jakobinischen Gegenwartsform, wenn wir an das Brüsseler EU-Modell denken, hassen die damit verbundene moralische Letzt-Kompetenz ebenso wie die dadurch legitimierte Differenz zwischen den Individuen und Kollektiven, den Sprachen, Kulturen, Religionen und regionalmentalen Eigenschaften, die sie nur als Grenzen ihrer ideologischen Expansionsgelüste in Richtung einer „totalitären Demokratie“ wahrnehmen. Inzwischen hassen sie sogar die natürlichen Schwankungen im globalen Klima; von ihren Weltreinigungsphantasien nach rückwärts, die geschichtliche Vergangenheit des Menschen betreffend, ganz zu schweigen. Sie sind universalistisch einzig im Sinne ideologischen Totalitäts-, sprich Größenwahns, nicht aus Liebe zum Menschen. Gerade deshalb aber operiert Aufklärung heute, in Gestalt des konsumistischen Kommunismus kapitalistischer Produktionsweise, propagandistisch vor allem mit der Menschenrechtsphrase, die ihr inzwischen als Feigenblatt zu jeder praktischen wie theoretischen Form von Intoleranz und Aggression dient.

Sie predigt final die ewige progressive Bewegung ins Ein-für-allemal-Glück auf Erden, aber das Endziel ist die statische „Schöne Neue Welt“, in der dieser Kapitalismus als materialistische Lebensform zugleich die einzig verbliebene „essentiell religiöse Erscheinung“ (W. Benjamin) ist. Denn der Kapitalismus hat sich, methodisch wie habituell und zur Verwirrung der kapitalismuskritischen wie -affinen Welt, als etwas ganz anderes entpuppt, ja, geradezu entfesselt: als der unübersehbar effektivere und damit, materialistisch gesehen, logischere Kommunismus.