Michael Vogt fragt den Wirtschafts- und Finanzexperten Rico Albrecht von der Wissensmanufaktur, ob man weiterzahlen, beitragsfrei stellen oder kündigen soll, wenn Finanzkonzerne, Politiker und BGH-Richter gemeinsame Sache gegen die Menschen machen.

Die Interessen der Finanzkonzerne werden in Deutschland von einer besonders eifrigen Institution vertreten, der BRD. Dank staatlicher Förderung und einer zweckdienlichen Gesetzeslage konnten in ihrem Zuständigkeitsbereich über 90 Millionen «Kapitalbildende Lebensversicherungen» verkauft werden – bei rund 80 Millionen Einwohnern. Im Durchschnitt bedient also jeder Werktätige mehrere solcher Verträge – eine Konstellation, die an sich bereits die Frage aufwirft, wer dann eigentlich die Renditeversprechungen erwirtschaften soll.

Gemäß Statistik des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft gab es im Zuständigkeitsbereich der BRD 2009 insgesamt 91,5 Millionen solcher Verträge (1,4 Millionen weniger als im Vorjahr). Eingenommen wurden damit 85,2 Milliarden Euro. Die versicherte Summe betrug 2009 insgesamt 2,5 Billionen Euro. Die Kapitalanlagen, die von den eingezahlten Kundengeldern nach Abzug von Verwaltungskosten und Vertriebsprovisionen gebildet werden, fließen größtenteils in Staatsanleihen und wurden 2009 mit einem Buchwert in Höhe von 705 Milliarden Euro ausgewiesen. Dabei sind jedoch im Rahmen der Schuldenkrise noch erhebliche Korrekturen zu erwarten. Und dass Staatsschulden niemals zurückgezahlt werden können, weiß jeder, der verstanden hat, wie unser auf Schuldenausweitung basierendes Geldsystem funktioniert. Die versprochenen Renditen und Auszahlungen werden folglich nur dann möglich sein, wenn man dazu auch die fließenden Beiträge heranzieht – ein Prinzip, bei dem man in der Regel von einem Schneeballsystem spricht.

Während viele Versicherungsnehmer bereits ein mulmiges Gefühl im Bauch haben, wenn sie daran denken, wie denn das Prinzip Lebensversicherung die Euro-Krise, bevorstehende Staatspleiten oder allein die demographische Entwicklung überstehen soll, hat die BRD bereits vorgesorgt und die Versicherungskonzerne gegen die Ansprüche der Kapitalanleger geschützt. Dafür wurde eigens Versicherungsaufsichtsgesetz § 89 geschaffen, ein den Kunden kaum bekanntes Gesetz, das es unter anderem ermöglicht, Auszahlungen aus Lebensversicherungen zeitweise oder ganz zu stoppen, falls die Vermögenslage des betroffenen Unternehmens dies erfordert. Festgelegt wurde außerdem, dass die Pflicht der Versicherungsnehmer, die Versicherungsentgelte in der bisherigen Höhe weiterhin zu bezahlen, vom Auszahlungsstopp unberührt bleibt.